Capitation, Kinzingtal & Co.

Neue Persepktiven für die Regionale Versorgung dringend gesucht

  • Prof. Dr. Armin Grau, MdB, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
  • Dr. Jens Schick, Vorstand, Sana Kliniken
  • Dr. Sabine Richard, Geschäftsführerin, Geschäftsbereich Versorgung, AOK-Bundesverband
  • Dr. Helmut Hildebrandt, Vorstandsvorsitzender, OptiMedis
  • Dr. Carsten König, stellvertretender Vorstandsvorsitzender, KV Nordrhein
  • Moderation: Nils Dehne, Geschäftsführer, Allianz Kommunaler Großkrankenhäuse

Vor allem die Regierungsparteien haben „Regionale Versorgungsmodelle“ zum Patentrezept für das Gesundheitssystem auserkoren. Doch konkrete Konzepte sind bislang rar, Erfolg versprechende Pilotprojekte noch seltener. Strittig ist, welche Modelle tatsächlich für die Fläche taugen.

Capitation

Capitation ist eine Zahlungsvereinbarung für Gesundheitsdienstleister. Es zahlt einen festgelegten Betrag für jede eingeschriebene Person, die ihnen zugewiesen wurde, pro Zeitraum, unabhängig davon, ob diese Person Pflege sucht oder nicht. Die Capitation-Finanzierung entspricht einer pauschalierten Abrechnung von Gesundheitsleistungen. Im Gegensatz zur Einzelleistungsvergütung setzen Capitation-Budgets den Anreiz, medizinische Leistungen möglichst effizient zu erbringen.

Capitation statt DRG - Finanzierung durch regionale Budgets kann Qualität und Effizienz der Gesundheitsversorgung verbessern

Gesundes Kinzigtal GmbH

  • Versorgungsgebiet: Kinzigtal im Schwarzwald (18 Ortschaften)
  • Einwohner: 71.000
  • Knapp 50% sind bei der AOK versichert

Ca. 50 % der niedergelassenen Haus- und Fachärzte sowie Psychotherapeuten sind Leistungspartner von Gesundes Kinzigtal. Darüber hinaus sind weitere Fachärzte in Lahr, Offenburg sowie Schramberg und Villingen-Schwenningen beteiligt. Außerdem mit dabei: Vereine, Apotheken, Fitnessstudios sowie viele weitere Dienstleister.

Die Gesundes Kinzigtal GmbH wurde im September 2005 gegründet. Ihre Gesellschafter sind das Medizinische Qualitätsnetz - Ärzteinitiative Kinzigtal (MQNK) und die auf Integrierte Versorgung spezialisierte OptiMedis AG. Dabei hält das MQNK 66,6 Prozent der Anteile, die OptiMedis 33,4 Prozent. Die Geschäftsführung liegt bei Dr. Christoph Löschmann.

Strukturmigration im Mittelbereich Templin“ – kurz StimMT

Ziel ist die Synthese von ambulanten und stationären Versorgungsangeboten in einer neuen Struktur. Kern ist ein Ambulant-Stationäres Zentrum, in dem die ambulante Versorgung durch eine bedarfsgerechte Vorhaltung stationärer Betreuungsmöglichkeiten ergänzt wird.

Förderung: 14,5 Millionen Euro für vier Jahre.

Konsortialpartner:  Sana Kliniken Berlin Brandenburg, KV Consult- und Managementgesellschaft, Agenon, inav – Institut für angewandte Versorgungsforschung, KV Brandenburg, AOK Nordost, Barmer

Laut Dr. Helmut Hildebrandt müssen jetzt die Weichen für Modelle der integrierten Versorgung gestellt werden. Das Motto soll dabei sein: gute Versorgung, vernünftige Preise, hohe Qualität. Er wünscht sich dabei mehr Führung der Politik mit einer erkennbaren Strategie. Hildebrandt sagt es muss Gesundheit produziert werden, Wettbewerb sei dabei destruktiv und muss außen vor gelassen werden. So nennt er als Beispiel für eine gute regionale Versorgung Einheiten von 100-150.000. Einwohner, die von 2-3 Krankenhäusern, ca. 50 Ärzten, verschiedenen Physiotherapeuten und anderen versorgt werden. Das nötige Investment würde sich dabei auf 4-5 Millionen belaufen. Hildebrandt bekräftigt nochmals, Gesundheit als planbare Ware verstehen zu müssen, mit weniger Wettbewerb, dabei jedoch Planwirtschaft vermeiden. Es muss in Folgewirkungen und Folgekosten gedacht werden. Integrierte Versorgung sei überall möglich, sowohl auf dem Land als auch in Ballungsgebieten, aber dann nur mit spezieller Zubereitung vor Ort.

Dr. Sabine Richard ist der Überzeugung, knappe Kassen könnten der Treiber sein und fordert von der Politik deutliche Signale. Sie befeuert den Wandel, neue Perspektiven, neue Wege und Veränderungsbereitschaft in der ganzen Breite. Es müssen regionale Lösungen und Verträge mit Regionaler Verantwortung geschaffen werden, so Richard weiter. Die Strukturen der Arztpraxen müssen sich ändern und benötigen ein anderes Betriebsmodell. Die AOK denkt hierbei jenseits von kommunalen Grenzen.

Dr. Jens Schick verweist auf die zwei schweren Jahre der Pandemie, in der es primär Ziel war die Versorgung sicherzustellen. In Zukunft braucht es jedoch erhöhte Transparenz und ambulant stationäre Vernetzung.

Schick nennt das Projekt Templin mit 25.000 Einwohnern bei ca. 20 niedergelassenen Ärzten. Dabei seien die Stationären Fallzahlen im SANA Klinikum Templin um rund 20% zurückgegangen. Das Projekt ist mittlerweile ausgelaufen. Wir wollen Strukturen mitgestalten, so Schick weiter - das Ziel dabei soll sein, trägerübergreifend weniger Krankenhäuser. Für das Voranschreiten regionaler Versorgung brauche es die Mutigen, Willigen aber auch Geld. Die Versorgung in der Fläche sei enorm Kostspielig. Dabei wünscht sich Jens Schick kein englisches System, keine pauschale Honorierung, höchstens für Vohaltekosten.

Die niedergelassene Ärzteschaft ist laut Dr. Carsten König ein gutes ausgerolltes System. So habe man in den letzten beiden Jahren intensiv die Krankenhäuser entlastet. Des Weiteren verweist er auf die Ärztenetze die zu viel mehr bereit sind. Wenn es nach König geht müssen Lösungen vor Ort entstehen und sind dabei vom persönlichen Einsatz einzelner abhängig.

Die Krankenhausdichte in NRW beispielsweise, sagt er, ist enorm hoch, es fehlt jedoch an Medizinern. Generell mangle es an Personal - die Outcomes passen nicht. König plädiert deshalb für weniger Krankenhäuser. Das Entlassmanagement ist oft heute ein Problem. Am Ende unterstreicht er Dr. Helmut Hildebrandts Meinung, Gesundheitswesen darf nicht unter Wettbewerb stehen.


Zum ersten Teil: DRG-Forum 2022 - Part 1: Politischer Auftakt

Zum vorherigen Part: DRG-Forum 2022 - Part 5: Ambulantisierung