Die Corona-Krise wird die Digitalisierung und aller damit verbundenen Neuerung um zwei bis drei Jahre beschleunigen. Warum wir deshalb vor einem goldenen Jahrzehnt des Gesundheitswesens stehen und wer von dieser Entwicklung profitieren wird, lesen Sie in diesem Artikel.

Die Coronakrise wird langsam aber sicher zur Normalität in unserem Alltag. Die Menschen haben gelernt, mit dem Virus umzugehen und die Krankenhauskapazitäten wurden weltweit nach oben gefahren. Allein in Deutschland wurde die Anzahl der Intensivplätze um 50% erhöht. Es ist beachtlich wie schnell das System lernen kann. Gleichzeitig wurden nach einer Studie der Universität Birmingham weltweit ca. 30 Mio. Operationen verschoben oder abgesagt.

Einen essentiellen Nebeneffekt wird die Coronakrise auf die Produktivität des Gesundheitswesens entfalten. Die Digitalisierung wird um ca. 2-3 Jahre beschleunigt, was zu einer massiven Veränderung der Produktivität führen wird.

Was sind die konkreten Veränderungen?

Zunächst einmal werden wir einen massiven Nachfrageboom in der 2. Jahreshälfte sehen, der auf den verschobenen und abgesagten Elektiveingriffen basiert. Dies wird die Kliniken in Kombination mit dem Rettungsschirm in die Lage versetzen, die finanziellen Auswirkungen der Krise moderat zu halten oder das wirtschaftliche Ergebnisse sogar zu verbessern.Parallel wird uns das Virus zumindest noch solange begleiten, bis ein Impfstoff gefunden wird. Dieser unangenehme Status der Unsicherheit bildet den Nährboden für die Durchdringung der Digitalisierung vieler Bereiche:

Investitionsboom in Remote Arbeitsweise

Remote heißt das Schlagwort, das zwar nicht neu ist, jetzt aber (endlich) voll umgesetzt wird. Verwaltungsmitarbeiter sind nicht mehr an ihre Arbeitsplätze gebunden, Patienten nicht mehr an die Präsenz in der Praxis und Ärzte können aus der Ferne diagnostizieren.Diese Remote-Arbeitsweise setzt voraus, dass Patienten, ambulante und stationäre Leistungserbringer online optimal vernetzt sind. Und genau die Investition in diese Vernetzung findet nun statt.Führt die Remote-Arbeit auch zu Produktivitätsverbesserungen?

Zweifelsfrei, denn sie spart Zeit, Transaktionskosten und erhöht gleichzeitig die Flexibilität. Wenngleich viele diesen Produktivitätsschub nicht auf anhieb erkennen, wird die neue Arbeitsweise, wenn sie in Standards gegossen ist, einen erheblichen Produktivitätsschub leisten können. Normalerweise kostet mich ein Arztbesuch zwischen 2-3 Stunden. Die Fahrt zum Arzt, die Wartezeit im Wartezimmer, die Behandlung und die Fahrt zurück. Wenn ich mir diesen Weg sparen kann und einen Teil meiner Arztbesuche bequem vor dem Laptop erledigen kann, habe ich produktive Zeit gewonnen. Gleichzeitig gewinnt der Arzt als Leistungserbringer, da er seine Infrastruktur genau darauf anpassen kann und die Verwaltung an den Onlinebetreiber übergeben wird.

Machine Learning bringt rasantes Potenzial in den klinischen Alltag

Für viele ist Machine Learning noch ein sehr abstrakter Begriff und aus diesem Grund sind auch die Potenziale noch nicht greifbar. Durch die Beschleunigung der Digitalisierung wird aber auch dieser Bereich nochmals an Geschwindigkeit zulegen. Neben den schon relativ bekannten Beispielen wie der radiologischen Diagnostik, der Beurteilung von Risiken von Herzerkrankungen anhand von Elektrokardiogrammen und Herz-MRTs oder der Klassifizierung von Hautläsionen in Hautbildern schreiben etablierte Unternehmen wie auch Start-Ups täglich neuen Softwarecodes, welche die Arbeitsweise in der Medizin verändern werden. Ich habe das Glück, Teile meiner Arbeitszeit in einem unserer Büros in einem Start-Up Hub in Tübingen verbringen zu dürfen und mich von den Entwicklungen persönlich überzeugen zu können.

Fakt ist, dass es sich hierbei um keine weit entfernte Zukunftsmusik handelt, sondern konkret im klinischen Alltag getestet oder bereit angewendet wird. Fakt ist auch, dass der Produktivitätszuwachs immens ist. Analysen, die zuvor manuell durchgeführt und mehrere Stunden gedauert haben, werden durch Machine Learning Algorithmen in wenigen Sekunden oder Minuten durchgeführt. Die menschliche Arbeit reduziert sich in vielen Bereichen auf die Interpretation der Ergebnisse. Als Mitgründer einer Softwarefirma arbeite ich aktuell selbst an einer Plattform, die auf Machine Learning Algorithmen basiert und die Innovationsgeschwindigkeit in Kliniken um ein Vielfaches beschleunigen kann.

Klinische Infrastruktur: Die klinische Infrastruktur wird sich in den nächsten Jahren an diese Digitalisierungsanforderungen anpassen müssen. Alles wird vernetzt und hierfür ist eine intelligente Architektur aus Soft- und Hardware erforderlich. Das bringt Chancen und Herausforderungen für Kliniken, Hersteller von Medizinprodukten, aber auch weitere Stakeholder wie Bauingenieure, Systemadministratoren etc. mit sich. Die Investitionstätigkeit wird sich vermutlich deutlich verschieben.

Führt die Digitalisierung auch zu Spezialisierung und höherer Qualität?

Das ist eine zu prüfende Hypothese, aber es spricht vieles dafür. Schon allein das Investitionsvolumen, das mit dieser Digitalisierung einhergeht, wird nicht ohne weiteres von jeder Klinik zu stemmen sein. Es ist sehr schwer in vielen medizinischen Fachabteilungen massiv in die Digitalisierung zu investieren. Ohne diese Investitionen wird aber die Produktivität und vermutlich auch die Qualität nicht mit denjenigen Kliniken vergleichbar sein, die vollständig digital und mit intelligenten Softwareunterstützungssystemen arbeiten.

Ein weiterer Effekt, der nicht erst seit der Coronakrise stattfindet, ist die Ambulantisierung vieler Leistungsbereiche. Betrachtet man die stationäre Entwicklung der letzten Jahre, erkennt man im Jahr 2018 zum ersten Mal einen Rückgang der stationären Fallzahlen. Wie im Chart eindrucksvoll zu sehen ist gingen die stationär behandelten Diagnosen in den bevölkerungsreichsten Bundesländern im Jahr 2018 allesamt nach unten. Die krisenbedingte Vorhaltung von stationären Kapazitäten sowie die Digitalisierung und der technische Fortschritt werden diesen Trend weiter forcieren.

Wer sind die Gewinner und Verlierer?

Wer den Spagat zwischen Investitionskosten und Produktivitätszuwachs am besten meistert wird zu den Gewinnern zählen. Der Digitalisierungsfahrplan ist folglich sowohl für die Leistungserbringer als auch die Stakeholder von entscheidender Bedeutung. Schlüssige Gesamtkonzepte, die sowohl eine Anbindung der Med-Tech Geräte an die digitale Infrastruktur der Leistungserbringer ermöglichen als auch das Potenzial inklusive klinischer Verbesserung aufzeigen, werden zum Standard eines guten Digitalisierungsplans gehören.

Es besteht aber nicht nur ein Wettlauf auf nationaler Ebene, sondern vor allem ein internationaler Wettlauf. Viele US-Firmen haben bereits erkannt, dass das Gesundheitswesen vor einem goldenen Jahrzehnt steht und massiv in diese Kompetenzen investiert. Apple, google, amazon und facebook werden versuchen Marktanteile in diesem Wachstumsmarkt zu ergattern.

Doch im Vergleich zur Automobilindustrie, wo aktuell der Kampf nahezu aussichtslos erscheint, ist das Gesundheitswesen ein stark regulierter Markt, in dem deutsche Firmen die Platzherrschaft erringen können. Es gibt eine große Anzahl von innovativen Unternehmen in Deutschland, die mit neuen Ideen und guter Technologie den Markt mitgestalten können. Zentrale Aufgabe aller Player aber allen voran der Politik ist es nun diese Firmen zu unterstützen, um das goldene Jahrzehnt des Gesundheitswesens in Deutschland auch zu einem goldenen Jahrzehnt für die Unternehmen in der zukünftig so wichtigen Softwarebranche zu machen.