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Intensivmedizinische Versorgung: Wenn Minuten über Leben entscheiden

Geschrieben von Manuel Heurich | 31. März 2026

Erreichbarkeitsanalyse zeigt: Die Versorgung mit komplexer Intensivmedizin hat sich in Thüringen in den letzten Jahren leicht verschlechtert – doch Netzwerke und Telemedizin bieten einen vielversprechenden Lösungsweg.

Was ist die intensivmedizinische Komplexpauschale?

Hinter dem sperrigen OPS-Code 8-980 verbirgt sich eine der anspruchsvollsten Leistungen der deutschen Krankenhausmedizin: die intensivmedizinische Komplexbehandlung. Kliniken, die diese Leistung erbringen, verfügen über spezialisierte Intensivstationen mit permanenter ärztlicher Präsenz, Beatmungskompetenz und der Infrastruktur für schwerstkranke Patienten – von Sepsis über Multiorganversagen bis hin zu komplexen postoperativen Verläufen.

Nicht jedes Krankenhaus kann diese Versorgung anbieten. Umso entscheidender ist die Frage: Wie gut erreichen die Menschen in Deutschland eine Klinik mit komplexer Intensivmedizin? Am Beispiel Thüringens zeigt eine Erreichbarkeitsanalyse, wie sich die Versorgungslage zwischen 2021 und 2024 verändert hat.

Die Ausgangslage: Thüringen unter der Lupe

Thüringen steht stellvertretend für ein Problem, das viele Flächenländer betrifft. Mit rund 2,1 Millionen Einwohnern auf einer Fläche, die von ländlichen Regionen geprägt ist, hängt die Versorgungsqualität unmittelbar von der räumlichen Erreichbarkeit ab.

Die Erreichbarkeitsanalyse zeigt, wie sich die 30-Minuten-Erreichbarkeit von Kliniken mit intensivmedizinischer Komplexbehandlung (OPS 8-980) in Thüringen zwischen 2021 und 2024 verändert hat:

Kennzahl Vorher (2021) Nachher (2024) Veränderung
Bevölkerung innerhalb 30 Min 95,0 % 89,6 % −5,4 PP
Absolut (innerhalb 30 Min) 2.004.447 1.890.797 −113.650
Personen außerhalb 30 Min 105.507 219.157 +113.650
Bevölkerung innerhalb 20 Min 73,8 % 62,6 % −11,2 PP
Erreichbarkeit komplexe Intensivmedizin Thüringen

 

Die Zahlen zeigen: Über 113.000 Menschen in Thüringen haben den Zugang zu komplexer Intensivmedizin innerhalb von 30 Minuten verloren. Die Zahl der Personen außerhalb der Erreichbarkeitsgrenze hat sich mehr als verdoppelt.

Was die Karten zeigen

Vorher (2021): Die Versorgungslandschaft zeigt ein dichtes Netz – grüne und gelbe Zonen dominieren, die Mehrheit der Bevölkerung liegt innerhalb kurzer Fahrtzeiten. Die Kliniken sind breit über das Land verteilt.

Intensivmedizinische Komplexbehandlung 30 Minuten Erreichbarkeit (vorher 2021), Quelle BinDoc GmbH

Nachher (2024): Das Bild hat sich leicht verschoben. Zwar bleiben die urbanen Zentren gut versorgt, doch die Randgebiete zeigen mehr gelbe und orange Zonen. Die Zahl der Klinikstandorte hat sich verändert – einige Standorte sind weggefallen.

Intensivmedizinische Komplexbehandlung 30 Minuten Erreichbarkeit (nachher 2024), Quelle BinDoc GmbH

Differenz: Die Heatmap macht das Ausmaß sichtbar. Große rote Flächen – insbesondere im zentralen und südlichen Thüringen – zeigen, wo sich die Fahrzeiten spürbar verlängert haben.

Intensivmedizinische Komplexbehandlung 30 Minuten Erreichbarkeit - Differenz 2021 zu 2024, Quelle BinDoc GmbH

Das Problem ist planbar – und lösbar

Die Verschlechterung in Thüringen ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis struktureller Veränderungen in der Krankenhauslandschaft. Und genau hier setzen moderne Versorgungskonzepte an.

Was Netzwerke und Telemedizin leisten können

Ein konkretes Beispiel wurde für Brandenburg am Beispiel der Leistungsgruppe Stroke Unit modelliert – die Ergebnisse lassen sich auf Thüringen übertragen:

Die Ausgangslage in Brandenburg: Durch die Krankenhausreform und eine angenommene Mindestvorhaltezahl von 10 % würde die 30-Minuten-Erreichbarkeit von Stroke Units von 76,4 % auf 69,7 % sinken – über 52.500 Menschen wären zusätzlich von der Versorgung abgeschnitten.

Die Lösung: Durch die gezielte Aktivierung von drei regionalen Kliniken in einer telemedizinischen Netzwerkstruktur kann die Erreichbarkeit nicht nur stabilisiert, sondern sogar verbessert werden:

  • 40-Minuten-Erreichbarkeit: 91,7 % – besser als der IST-Zustand (88,9 %)
  • Nur noch ca. 209.600 Personen außerhalb der Erreichbarkeitsgrenze (gegenüber 334.100 ohne Intervention)

Das Prinzip: Kleinere, regionale Kliniken werden nicht als eigenständige Maximalversorger aufgebaut, sondern als Netzwerkkliniken mit telemedizinischer Anbindung an ein spezialisiertes Zentrum aktiviert. Die Expertise sitzt im Zentrum – die Versorgung findet in der Fläche statt.

Übertrag auf Thüringen: Drei Hebel

Für die intensivmedizinische Versorgung in Thüringen lassen sich daraus drei konkrete Ansätze ableiten:

  1. Identifikation potenzieller Netzwerkkliniken: Welche bestehenden Klinikstandorte in den unterversorgten Regionen könnten durch telemedizinische Anbindung intensivmedizinische Basisversorgung leisten.

  2. Szenarien-Modellierung mit Erreichbarkeitsanalysen: Wie verändert sich die Versorgungslandschaft, wenn ein, zwei oder drei Standorte telemedizinisch aktiviert werden? BinDoc Meta kann diese Szenarien datenbasiert simulieren.

  3. Evidenzbasierte Planung statt Bauchgefühl: Die Krankenhausplanung braucht Werkzeuge, die nicht nur den IST-Zustand abbilden, sondern konkrete Handlungsoptionen durchspielen – vor der politischen Entscheidung, nicht danach.

Fazit: Transparenz ist der erste Schritt

Die Daten für Thüringen zeigen ein klares Bild: Die intensivmedizinische Versorgung hat sich in den letzten Jahren messbar verschlechtert. Mehr als 100.000 Menschen haben den schnellen Zugang zu komplexer Intensivmedizin verloren.

Aber die Daten zeigen auch: Es gibt Lösungen. Telemedizinische Netzwerkstrukturen können Versorgungslücken schließen – oft sogar besser, als es der bisherige Status quo konnte. Voraussetzung dafür ist, dass die Lücken zunächst sichtbar gemacht werden.

Die Analyse basiert auf der BinDoc Versorgungsanalyse unter Verwendung von öffentlich zugänglichen QB-Daten der deutschen Krankenhauslandschaft. Die Erreichbarkeitsberechnung erfolgt auf Basis realer Fahrzeiten (PKW) zu Klinikstandorten mit dokumentierter OPS 8-980.

Wie sieht die Versorgungslage in Ihrem Bundesland aus – oder für eine Leistungsgruppe, die Sie beschäftigt? Mit der Versorgungsanalyse von BinDoc lässt sich das datenbasiert analysieren und in konkreten Szenarien durchspielen.