Qualität, Wirtschaftlichkeit und Mitarbeiterzufriedenheit sind schwierig in Balance zu bringen. Es gibt aber einen Königsweg, den die Kritiker der Ökonomisierung bestreiten könnten: Aktiv als Unternehmer die Krankenhauslandschaft mitgestalten. Wie das gehen kann, wird in diesem Artikel beschrieben.

Nicht erst seit der Corona Krise werden die Stimmen gegen die Ökonomisierung der Medizin lauter. Bereits Ende letzten Jahres war der sogenannte „Ärzte-Appell“ im Stern zu lesen, dem sich mittlerweile 2800 Ärzte angeschlossen haben, mit der Forderung nach einer Entökonomisierung der Medizin unter den Überschriften „Mensch vor Profit“. In diesem wird die ökonomische Seite der Krankenhäuser an den Pranger gestellt. In der Coronakrise wird das Thema nochmals präsenter und die Forderung vieler nach weniger Ökonomie im Gesundheitssystem lauter.

Ist eine Trennung von Ökonomie und Gesundheit wirklich realisierbar und sinnvoll?

Die Diskussionen erscheinen an vielen Stellen wenig differenziert und nicht faktengetrieben. Die Forderung „Mensch vor Profit“ klingt für die meisten einleuchtend, bleibt aber ohne konkrete Ansätze eine eher populistische Aussage. Denn die Bedeutung könnte in viele Richtungen ausgelegt werden. Sollen einzelne Unternehmen des Gesundheitswesens wie niedergelassene Ärztegemeinschaften, Physiotherapeuten, Pflegeeinrichtungen, Medizintechnik-, Software und Pharmaunternehmen, die persönlich ins Risiko gehen, weniger Einkommen (Profit) haben? Oder sollen Krankenhausunternehmen und Klinikkonzerne keinen Gewinn mehr erwirtschaften dürfen, was wiederum die Frage aufwirft, ob der Staat als einziger Anbieter wirklich besser wäre, wie das zum Beispiel in Großbritannien der Fall ist? Oder soll auch der Profit (das Einkommen) der im Gesundheitswesen Beschäftigten niedriger ausfallen, um dadurch mehr Personal finanzieren zu können und die Arbeitsverdichtung zu verringern? Objektiv betrachtet hat die Arbeitsverdichtung bei Medizinern in den letzten Jahren bereits abgenommen.

Wurden im Jahr 2012 im Median noch 148 stationäre Patientenfälle je ärztliche Vollkraft versorgt, waren dies im Jahr 2018 knapp 8 Prozent weniger mit 137 stationären Fällen je ärztliche Vollkraft. Zweifelsohne ist die Arbeitsbelastung bei Medizinern sehr hoch, dennoch hat diese Arbeitsverdichtung in den letzten Jahren eher abgenommen. Es wäre wünschenswert und es kann auch davon ausgegangen werden, dass die Digitalisierung diesen Trend weiter in die richtige Richtung bewegen wird, damit Ärztinnen und Ärzten mehr Zeit für die Patienten haben. 

Gewinne sind per se nichts Verwerfliches!

Profit, Rentabilität, Gewinn, Einkommen oder wie auch immer man die risikoadäquate Verzinsung von eingebrachten Ressourcen bezeichnen will, sind per se nichts Schlechtes. Immer wieder stellt man allerdings fest, dass Gewinn als etwas Negatives dargestellt werden und erfolgreiche Unternehmen häufig als profitgetrieben im negativen Sinne betrachtet werden. Diese Stigmatisierung ist fatal!

Beim Gewinn handelt es sich um eine risikoäquivalente Rendite des eingesetzten Kapitals. Hierzu ein Beispiel aus einem Medizintechnik StartUp, das ich in den letzten Monaten beobachten durfte. Das neu gegründete Unternehmen versucht durch ein innovatives Machine-Learning Verfahren die ärztliche Analysezeit von Laborergebnissen um das 10-fache zu verringern. Das heißt ein Arzt benötigt für die Interpretation dieser speziellen Laborergebnisse nicht mehr 10h sondern nur noch eine Stunde. Die Gründerinnen und Gründer arbeiten 70-80h pro Woche an ihrer Innovation aus Leidenschaft für ihre Idee und dem Glauben das Produkt später erfolgreich in Krankenhäusern platzieren zu können. In einer Wette auf die Zukunft setzen sie ihre Arbeitszeit und ihr eigenes Kapital ein. Floppt das Produkt werden unzählige Stunden und Geld - abgesehen von der tollen Erfahrung - von mehreren Jahren zunichte sein. Wird das Produkt von Kliniken angenommen, haben die Gründer für ihren Einsatz und das eingegangene Risiko eine Rendite verdient.

Und genau das ist Unternehmensgewinn!

Ohne diesen Gewinnanreiz, wird es schlichtweg keine Innovationen mehr geben. Und ohne Innovationen gerät der medizinische Fortschritt, dem wir eine Steigerung der Lebenserwartung in den letzten 150 Jahren um mehr als 100 Prozent verdanken, ins Stocken. Diese Perspektive offenbart deutlich, dass es notwendig ist, Unternehmen rund um das Gesundheitswesen Renditemöglichkeiten nicht zu verwehren. Da 90 Prozent der StartUps scheitern, handelt es sich ohnehin um ein denkbar schlechtes Chance/Risiko Verhältnis, das offensichtlich in erster Linie durch die Leidenschaft für das Produkt eingegangen wird.

Mediziner können als Unternehmer aktiv mitgestalten

Aus meiner persönlichen Sichtweise wird die Debatte um Profit zu einseitig geführt. Zwar halte ich es ebenso für notwendig, dass der regulative Rahmen als Anreizmaxime nicht nur die quantitative Leistungserbringung, sondern vor allem Qualität in den Fokus rückt. Trotzdem würde eine Abkehr von marktwirtschaftlichen Prinzipien nicht zu besseren Ergebnissen führen. 

Kritische Stimmen an der Ausgestaltung des Systems sind durchaus berechtigt und fördern die Weiterentwicklung. Was fehlt sind kreative Lösungen, an denen sich die Leistungserbringer orientieren können. Im Ärzte-Apell heißt es, dass Krankenhäuser in die Hände derjeniger gehören, die das Patientenwohl als wichtigstes Ziel betrachten. An dieser Stelle sollte die Frage erlaubt sein, warum sie das Heft nicht einfach in die Hand nehmen und Ihre Maxime in die Tat umsetzen? Der Krankenhausträgervielfalt würde das sicherlich gut tun. Eugen Münch hat es vor mehr als 30 Jahren vorgemacht und konnte seitdem seine Vorstellungen des Klinikbetriebes aktiv mitgestalten. Es wäre schön zu sehen, wenn eine Gemeinschaft aus engagierten Ärzten es ihm gleichtun würden, und ihre Vorstellungen des Krankenhausbetriebes als Unternehmer im Gesundheitswesen durch die Übernahme eines Krankenhauses aktiv umsetzen würden. Investoren ließen sich sicherlich von einem innovativen Konzept überzeugen. Der Beginn einer solchen Idee ist zweifelsfrei steinig, mit hohen Gehaltseinbußen und gleichzeitig enorm viel Arbeit verbunden. Doch es ist der Königsweg, auf dem sich eigene Ideen und Wertvorstellungen hervorragend umsetzen lassen. 

Wie könnte eine Umsetzung konkret aussehen?

Wie stark sich der Krankenhausmarkt in den letzten 20 Jahren verändert hat, verdeutlichen folgende Zahlen. Waren 2002 erst 8,2 Prozent der Krankenhäuser in privater Trägerschaft, ist dieser Anteil bis 2017 auf 17,2 Prozent gestiegen. Auch in der Zukunft wird es Käufe und Verkäufe geben, die umsetzungswillige Mediziner als Chance nutzen könnten, selbst ein Krankenhaus zu übernehmen und nach den eigenen Wertvorstellungen zu betreiben. Wenngleich gesetzliche Restriktionen zur Qualität und zum Vergütungssystem erhalten bleiben, so gibt es doch einen enormen Gestaltungsspielraum, um die eigenen Ideen und Konzepte umzusetzen. Beispielsweise könnten innovative Arbeitszeitmodelle umgesetzt werden, klinische Pfade können für eine guten Prozessablauf gestaltet werden und Mitarbeiterinteressen können individuell berücksichtigt werden.

Es gibt bereits Beispiele wo die Übernahme eines Krankenhauses durch Ärzte und Kaufleute zu erfolgreichen Ergebnissen führt. Das Krankenhaus in Pfronten im Allgäu stand im Jahr 2005 vor der Schließung, als sich drei Mediziner und Kaufleute dazu entschlossen, das Krankenhaus selbst als Eigentümer zu betreiben. 

Qualität und Wirtschaftlichkeit sind vereinbar

“Seither entscheiden die sechs Gesellschafter (drei Ärzte und drei Kaufleute) gemeinsam zum Wohle der Patienten und Mitarbeiter. Auch heute können wir Ihnen so ein familiäres, wohnliches Krankenhaus in ruhiger, landschaftlich schöner Lage bieten. Wir legen Wert auf technische Neuerungen, verlieren dabei jedoch nicht den Blick für die Tradition, die unser Haus begründet hat. So können wir unseren Patienten eine Versorgung auf hohem medizinischem Niveau und gleichzeitig in geborgener Atmosphäre bieten”, heißt es auf der Website der Vinzenz-Klinik.

Das Konzept in Pfronten unterstreicht, dass Qualität und Wirtschaftlichkeit vereinbar sind. Zum 10-jährigen Jubiläum vor fünf Jahren zogen die Verantwortlichen Bilanz. Insgesamt investierten sie seit der Krankenhausübernahme 18 Millionen Euro, beschäftigen über 400 Mitarbeiter und wurden bereits drei Mal beim Wettbewerb “Great place to work” ausgezeichnet. Ein tolles Vorbild für all diejenigen, die ihre eigenen Wertvorstellungen in die Tat umsetzen und sich aktiv als Unternehmer im Gesundheitswesen engagieren wollen.

Wissenschaftlichen Ergebnisse & theoriegeleitete Analysen der BinDoc GmbH werden in Aufsätzen, Fachbeiträgen und in Sammelbänden veröffentlicht.

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